Hjörleifur Halldórsson


Hjörleifur Halldórsson wurde in Reykjavík, Island, geboren. Als er 7 Jahre alt war, wanderte seine Familie nach Schweden aus, wo er später Ingenieurwissenschaften (M.Sc.) an der Königlich Technischen Hochschule KTH studierte.

Den grössten Teil seines Erwachsenenlebens arbeitete Hjörleifur im Bereich der Medizintechnik, in der medizinischen Bildgebung, in der Softwareentwicklung und bei der staatlichen Strahlensicherheit.

Da Kunst seit jeher eine treibende Kraft in Hjörleifurs Leben war, beschloss er 2020, seinen Lebensweg zu ändern und sich der Kunst zu widmen. 2024 schloss er sein Studium an der Fakultät für Malerei und Zeichnung an der Magdalena-Abakanowicz-Universität der Künste in Poznań (UAP) ab und kehrte dann nach Island zurück.

Selbst beschreibt er sich als Sammler von emotionalem Chaos und als beobachtenden Narren. Inspiration bezieht er unter anderem aus Begegnungen mit dem Buddhismus, den Wissenschaften, der Musik und dem Boxsport, allesamt Bereiche, die ihn Achtsamkeit und Einsicht lehren.

Bitte erzähle uns in deinen eigenen Worten: Wer bist du?

Ich lebe und ich bin glücklich.

Ich arbeite als Maler, aber ich habe in meinem Leben schon verschiedene Berufe ausgeübt.

Jetzt geniesse ich es einfach, im Moment zu sein und zu malen – das gibt mir viel, es erfüllt mich.

Hast du eine Erklärung dafür, warum es dir so gut gelingt, im Moment zu leben und glücklich zu sein?

Ich war nicht immer so.

Dies ist der Weg, den ich eingeschlagen habe. Früher hatte ich andere Werte und diese Werte wurden zu einer schlechten Gewohnheit. Ich musste vieles ändern.

Dadurch habe ich zu mir selbst gefunden. Ich habe herausgefunden, wer ich wirklich bin und was ich will. Ich musste mein Leben neu ausrichten. 

Ich war Ingenieur und habe als Leiter der Abteilung für Medizintechnik am Universitätsklinikum in Reykjavik gearbeitet.

Es war eine schicke und schöne Position, aber sie passte einfach nicht zu mir.

Ich musste zusammenbrechen, mental zusammenbrechen, um das aufzugeben und dann einfach wieder zu mir selbst zu finden. Das hat eine Weile gedauert. Danach bin ich meinem Herzen gefolgt und habe herausgefunden, was ich wirklich tun will. Ich definiere mich nicht mehr über äussere Dinge. Das hat mich und meinen Lebensstil sehr verändert.

Wie ich lebe und wie ich arbeite, folgt neuen inneren Werten.  Ich versuche einfach, präsent zu sein, im Hier und Jetzt, und dieses wundervolle Leben zu geniessen.

Welchen Einfluss haben Natur und Kunst auf dein Leben?

Ich erinnere mich an die Zeit, als ich anfing zu sehen, aufzuwachen. Es war wirklich seltsam. Als wäre zuvor alles in Schwarz-Weiss gewesen und plötzlich hätte ich begonnen, Farben zu sehen. Es war ein Wendepunkt in meinem Leben.

Die Lehren des Buddhismus haben mich beeinflusst.

Und das ist der Weg, den ich wirklich sehr geniesse. Ausserdem haben mich meine Lieben beeinflusst und die Tatsache, dass sie für mich da sind, so wie ich gerne für andere da bin. Ich halte die Dinge bewusst einfach. Dinge verkomplizieren, das habe ich früher oft getan. Aber jetzt versuche ich, ein einfaches Leben zu führen. Früher habe ich getrunken, mich schlecht benommen, Menschen verletzt und ich bin selbst oft verletzt worden. Ich musste das einfach hinter mir lassen, ich musste um Vergebung bitten und an mir selbst arbeiten. Dadurch habe ich eine Art Glück gefunden, eine Art Ruhe.

Es ist einfach, wenn auch viel Arbeit. Aber es ist machbar. Du musst einfach die Arbeit machen.

Was macht dir in deinem Leben am meisten Spass?

Im Moment ist es das Malen. Ich liebe es einfach, zu malen, etwas zu erschaffen, den kreativen Prozess zu sehen und zu beobachten, wie etwas entsteht. Und dann bekommen die Bilder ein Eigenleben und gehen hinaus in die Welt, wie meine Kinder oder so, und führen ihre eigenen Gespräche mit anderen Menschen.

Und auch ganz einfach das Familienleben. Mit meiner Frau zusammen zu sein, zu reisen und Neues zu entdecken – ich muss die Welt erkunden, es gibt so viel zu sehen, so viel zu tun.

Du kommst jeden Tag hierher und arbeitest stundenlang. Kunst ist Talent, aber auch harte Arbeit.

Ich meine, alles ist harte Arbeit, aber wenn es Spass macht, dann ist es keine Arbeit mehr. Wenn du akzeptierst, was du tust, dann fängst du an, es zu geniessen.

Es muss kein Kampf sein.

Man kann sich natürlich beschweren: «Ich verkaufe nichts» oder «Ich bin nicht berühmt genug» oder was auch immer. Aber es geht einfach darum, den Fortschritt und die Arbeit zu geniessen. Mach deine Arbeit. Nur so wirst du ein Künstler. Mach einfach deine Arbeit.

Das sagt Marina Abramovic: «Geh einfach und mach es.»

Mach es einfach. Sei da und mach deine Arbeit. Und ich glaube, Andy Warhol hat das Gleiche gesagt: «Mach einfach weiter. Sei mutig.»

Wir haben diese Bilder mit Lava in Deiner Galerie gesehen. Kannst du uns das näherbringen?

Die Ausstellung, die ich derzeit habe, handelt von «Vergänglichkeit». Davon, dass wir alle innerhalb von fünf Generationen vergessen sein werden, dass wir leben, sterben und fünf Generationen später niemand mehr weiss, dass es uns jemals gegeben hat. 

Wenn man sich nicht begegnet, wird man vergessen. Niemand erinnert sich an einen.

Das bringt Freiheit mit sich, das ist eine Art Schönheit an sich. Wir werden wieder eins mit der Natur. Wir haben diesen Kreislauf des Lebens, der sich immer wieder dreht, und wir kommen aus der Asche und kehren zur Asche zurück.

In diesem Sinne verwende ich die Asche. Ich nehme Lava von Island, zermahle sie und mische sie in die Farbe.

Und das ist wie ein Hinweis, wer wir sind, denn wir sind vergänglich.

Wir sind Teil dieses Prozesses, manchmal vergessen wir das. Es ist auch eine gute Erinnerung daran, dass wir präsent sein müssen.

Für manche Menschen ist es ganz einfach, präsent zu sein. Mir fällt es wirklich schwer. Ich musste hart daran arbeiten. Ich musste auf Retreats nach Indien fahren, meditieren und viele Übungen auf mich nehmen.

Manche Menschen sind einfach von Natur aus präsent. 

Wenn man präsent sein kann, dann kann man auch mitfühlend sein. Und wenn man mitfühlend sein kann, hat man die Möglichkeit, Einsicht und Weisheit zu erlangen, was meiner Meinung nach ein wirklich gutes Werkzeug ist, das man in dieser Welt haben sollte. Und dann kommt Empathie ins Spiel. Man kann sich in andere hineinversetzen.

Man muss Mitgefühl für sich selbst und für andere entwickeln. Das ist wirklich sehr, sehr wichtig.

Ich musste daran arbeiten, mich selbst zu mögen, mich selbst zu lieben. Ich mochte mich nicht. Ich hatte mich nie auf diesen Prozess eingelassen. Ich habe nur an Andere oder an etwas Anderes gedacht. Mein Ego war riesig, viel zu gross.

Ich dachte, wenn ich mein Ego loswerde, wird alles gut. Aber man kann es nicht loswerden, es wurde stattdessen noch grösser. Und dann wurde ich eine Zeit lang unausstehlich.

Das war mein Weg, für mich hat er gut funktioniert. Ich glaube, jeder kann seinen eigenen Weg finden.

Gibst du Ratschläge?

Wenn man mich fragt, natürlich.

In allen Lebensphasen habe ich versucht, anderen zu helfen.

Ich habe an zwei verschiedenen 12-Stufen-Programmen teilgenommen und dort anderen Menschen geholfen.

Es ist mir wichtig, für andere da zu sein. Aber ich glaube nicht, dass man da sein sollte, wenn die Leute nicht bereit sind, sich helfen zu lassen. Man sollte nicht wie der grosse weisse Retter kommen und den Menschen helfen wollen.

Wenn jemand wirklich darum bittet, gebe ich gerne einen Rat. Ich denke, das ist zwischenmenschlich wichtig.

Hast du eine Utopie? Eine Vision von einer idealen Welt?

Wenn wir alle versuchen, freundlich und wohlwollend zueinander zu sein, wäre das wirklich schön. Und ausserdem finde ich es gut, die Welt einfach so akzeptieren zu können, wie sie ist. Unabänderliches einfach akzeptieren können. Die Dinge, die man ändern kann, erkennen und darüber Bescheid wissen und sich nicht auf die Dinge konzentrieren, die man nicht ändern kann.

Das Gelassenheitsgebet gefällt mir sehr gut. Ich habe es auf meinem Fingerring eingraviert. Ich bin nicht religiös, aber ich habe dieses Gelassenheitsgebet.

Es ist eine gute Erinnerung für mich, zu helfen, wenn ich helfen kann, oder da zu sein, wenn ich da sein kann, aber nicht zu versuchen, den Andern zu ändern.

Hier ist das Gebet:

«Gott, gib mir die Kraft, die Dinge zu akzeptieren, die ich nicht ändern kann, die Kraft, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, den Unterschied zwischen beiden zu erkennen.»

«… um Vergebung bitten und einfach an mir selbst arbeiten. Und dadurch habe ich eine Art Glück gefunden, eine Art Ruhe.»

Jetzt das ganze Interview mit Hjörleifur Halldórsson ansehen.